Berichte

Manchmal sollte man leider nicht seine beste Hose anziehen

Gewiss wäre ich gerne reich. So richtig reich. So reich, dass ich an jeden beliebigen Ort auf der Welt ziehen und dort leben könnte ohne arbeiten zu müssen. Radfahren, Skifahren und Windsurfen oder Gleitschirmfliegen anstatt unbezahlt in meiner “Freizeit” in überfüllten Zügen der Deutschen Bahn ins Büro fahren zu müssen oder im nass-kalten Winter am Bahnhof zu frieren, während ein Zug nach dem anderen Verspätung hat oder gleich ganz ausfällt. Staus und Parkplatzknappheit sorgen dafür, dass auch das Auto keine gute Alternative zu den unzuverlässigen öffentlichen Verkehrsmitteln ist. All das würde mich nicht mehr berühren, wenn ich reich wäre. Stattdessen hätte ich mehr Zeit zum Schreiben von Blog-Artikeln. Mehr Zeit für eigene Programmier-Projekte, die mir Freude bereiten und mich erfüllen. Mehr Zeit für die Arbeit an OpenStreetMap. Mehr Zeit für den Anbau von Obst und Gemüse im eigenen Garten. Mehr Zeit zum Wandern in der Natur. Mehr Zeit um Gitarre und Keyboard zu spielen. Mehr Zeit für Fitness-Training. Mehr Zeit zum Kochen Nahrungsmitteln anstatt dem Aufwärmen von Junk-Food-Füllstoffen aus dem Plastikbecher. Außerdem könnte ich dann einen Steuerberater bezahlen, der sich um die lästige und nervenaufreibende Finanz-Bürokratie mit den ständig geänderten Regeln und Gesetzen kümmert.

Allerdings ist es im Prinzip nicht möglich, durch die Arbeit aus eigener Kraft so reich zu werden. Spätestens die Abgabenlast für Steuern, Versicherungen und der Rundfunkbeitrag werden die Einnahmen so schnell wieder aufzehren. Dazu kommen die Kosten für den notwendigen juristischen Beistand bei der Gründung eines Gewerbes ebenso wie die Kosten welche die Bürokratie mit sich bringt so, dass man nur schwer Reich wird, wenn man das Vermögen tatsächlich selbst erarbeiten muss. Natürlich gibt es auch Menschen, die es schaffen eine Dienstleistung anzubieten, für die wenige Menschen bereit sind sehr viel zu bezahlen oder viele Menschen einen kleinen Teil beitragen. Aber im Allgemeinen ist zu beobachten, dass die fleißigen Menschen immer ärmer werden, während lediglich diejenigen immer reicher werden, die bereits sehr vermögend sind. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander und es kann nicht jeder auf der Gewinnerseite stehen. Erschreckend ist jedoch dass in diesem System fast alle Menschen auf der Verliererseite stehen, während die Gewinnerseite sehr überschaubar ist.

Kein Wunder also, dass der Neid auf die Vermögenden sehr verbreitet ist. Es dürfte nur wenige Menschen geben, die um vier Uhr Morgens bei Wind und Wetter aufstehen, um für einen Hungerlohn die Kanalisation von müffelnden Ablagerungen zu säubern, während ein anderer kein tag im Leben arbeiten muss und stattdessen auf seiner Mega-Yacht eine Champgnerflasche im Gegenwert eines Monatslohnes des Kanalarbeiters öffnet.

Nieder mit den «ein Prozent»! – Woraus sich der Neid auf Superreiche speist

Aber halt! Eine Neid-Debatte ist nicht angebracht. Und den Unmut einfach auf “Neid” zurückzuführen ist zu kurz gedacht und ein Schlag ins Gesicht all derer, die jeden Tag hart für ihren Unterhalt arbeiten müssen und dennoch kaum über die Runden kommen. Und es ist auch ein Schlag ins Gesicht all derer, die in dieser Welt des Überflusses still und unbemerkt verhungern, weil sie einfach kein Geld haben, eine Schüssel Reis zu bezahlen, während andernorts das Essen vom Buffet direkt im Müll landet. Man könnte natürlich sagen, dass jeder seines Glückes Schmied ist und wer es nicht aus der Armut schafft, der hat halt Pech gehabt. Das wäre aber nicht nur völlig unmoralisch und empathielos, sondern auch schlicht und ergreifend falsch. Die Armut vieler Menschen basiert nicht auf Faulheit, sondern auf Chancenlosigkeit. Und auch die Menschen, die etwas besser gestellt sind und sich ein Dach über dem Kopf und Pay-TV leisten können, müssen dennoch mehr Entbehrungen hinnehmen, als es eigentlich notwendig wäre.
Wie bereits geschrieben wird man in der heutigen Welt nicht durch eigene Leistung reich, sondern dadurch dass man die Möglichkeit hat, die Erträge der Arbeitskraft vieler anderer Menschen auf sich “umzuleiten”. Dies ist üblicherweise dann der Fall, wenn man über zinsbringende Vermögen oder Produktionsmittel verfügt. Bis zu einem gewissen Grad ist es auch gut und richtig, dass der eine mehr und der andere weniger Besitzt. Allerdings ist in diesem System ein Automatismus eingebaut, der dafür sorgt, dass sich die Reichtümer immer schneller bei immer weniger Menschen konzentrieren. Die Mehrheit muss diesen stetig zunehmenden automatischen Transfer erwirtschaften und darf nur das behalten, was dann noch übrig bleibt. Das bedeutet aber auch, dass die Menschen immer mehr erwirtschaften müssen, nur um am Ende nicht von Jahr zu Jahr schlechter gestellt zu sein, als im Jahr davor. Dadurch erklärt sich auch, warum Wirtschaftswissenschaftler und Politiker so von einem beständigen Wirtschaftswachstum schwärmen. Ohne dieses Wachstum würde die Armut noch schneller ansteigen und die Welt in Krieg und Chaos verfallen. Auf der anderen Seite hat dieses ewige Wachstum aber natürlich auch die Verschwendung von Ressourcen, die Zerstörung der Umwelt und das Quälen von unzähligen Tieren zur Folge. Ironischerweise sprechen die Politiker in diesem Zusammenhang jedoch nicht die tatsächliche Ursache, also die automatische Umverteilung der erwirtschafteten Vermögen an, sondern machen auch noch diejenigen für die Folgen verantwortlich, die nur versuchen, über die Runden zu kommen und eigentlich kein ständiges Wachstum benötigen um zufrieden leben zu können. Der Großteil der Menschen muss aber Tag für Tag dieses Wachstum aber erarbeiten, um die Ansprüche zu bedienen, die sich aus den angehäuften Vermögen der Superreichen ergeben. Die kleinen eigenen Ersparnisse auf der Bank werden dafür immer schneller von Negativzinsen und Gebühren geschmälert. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und ein paar Ersparnisse fürs Alter zu sichern, bleibt dem Einzelnen nur, selbst einen Platz in der Umverteilungsmaschinerie zu finden, der es ihm ermöglicht ebenfalls zumindest in kleinem Umfang von der Arbeitskraft anderer zu deren Lasten zu profitieren. Das ist moralisch verwerflich aber leider in diesem System notwendig um selbst einigermaßen sicher über die Runden zu kommen.

Frei interpretiert aber in Anlehnung an ein Zitat von Henrik Johan Ibsen (*1828 bis †1906), der ein norwegischer Dramatiker und Lyriker war, könnte man sagen „Man sollte nie seine besten Hosen anziehen, wenn man hingeht und für seine finanzielle Zukunft ficht.“. Eine unmoralische Gesellschaft fördert und erzwingt unmoralisches Verhalten. Und die permanente Umverteilung der Vermögen durch Zins und Zinseszins von den fleißigen arbeitenden Menschen zu den Vermögenden drängt jeden Einzelnen zu einem fragwürdigen Verhalten, um selbst nicht gänzlich unterzugehen. Die einen werden mehr gedrängt, die anderen etwas weniger, aber vermutlich niemand kann sich dieser Negativspirale gänzlich entziehen. Und letztendlich sitzen alle Menschen im gleichen Boot, sowohl die Reichen, als auch die Armen. Und wenn wir diesen Planeten zerstören müssen, um die Zinsen zu bezahlen, dann haben irgendwann auch die ultrareichen Zinsempfänger keinen lebenswerten Planeten mehr zur Heimat. Aber wenn die große Mehrheit der Menschen in Zukunft schon lange in schmutzigen heruntergekommenen Slums inmitten einer vergifteten und zerstörten Umwelt lebt, können die Reichen noch kleine Luxusdomizile auf abgelegenen Insel und einen notwendigen Sicherheitsdienst unterhalten. Manche sind halt doch gleicher als andere.


Erschreckend ist, dass die extrem vermögenden Menschen sich scheinbar überhaupt nicht bewusst sind, wer ihren Reichtum jeden Tag erarbeitet. So überwacht beispielsweise Amazon laut Business Insider jeden Schritt seiner Lagerarbeiter, weil Jeff Bezos glaubt, dass Menschen von Natur aus faul sind. Derjenige, der ohne selbst eine entsprechende Leistung erbringen zu müssen durch die Arbeit anderer und durch Kapitaleinkünfte (welche ebenfalls durch andere erarbeitet werden), immer reicher wird, bezeichnet die hart arbeitenden Menschen als faul. Sollte Herr Bezos tatsächlich so über seine Mitarbeiter denken, wäre dies sehr traurig.


Update (25.07.2021):

Ich muss mich korrigieren, Jeff Bezos ist sich offensichtlich doch sehr wohl dessen bewusst, dass sein Reichtum von anderen Menschen erarbeitet wird. Er scheint die Mitarbeiter also nicht aus Unwissenheit, sondern aus Gier abzutreiben, noch härter zu arbeiten.

“Ihr habt das bezahlt”: Mit einem Satz offenbart Jeff Bezos, wie zynisch seine Weltsicht ist

Nach seinem Weltraumflug bedankte sich Amazon-Gründer bei seinen Mitarbeitenden: “Ihr habt all das bezahlt.” Ein Satz, der beweist, wie ungerecht seine Welt ist: Während der Chef ins All fliegt, rackern sich die Angestellten unten ab.

Bezos’ unfassbarer Reichtum ist zu einem großen Teil auf Kosten seiner Mitarbeitenden und der Steuergemeinschaft zustande gekommen. Das Ergebnis ist nur logisch: Der Chef fliegt ins Weltall, die Angestellten rackern sich unten ab. Mehr als warme Worte dürften sie nach dem Weltraumflug nicht zu erwarten haben. Bezos hingegen hat sich nicht nur seinen großen Traum erfüllt, sondern in der Zeit auch weiter mächtig Geld verdient. Wie der britische “Independent” ausgerechnet hat, ist der 57-Jährige allein während seines elfminütigen Flugs mit der Blue-Origin-Rakete mehr als 1,5 Millionen Dollar reicher geworden.

Stern: “Ihr habt das bezahlt”: Mit einem Satz offenbart Jeff Bezos, wie zynisch seine Weltsicht ist


Zum besseren Verständnis noch zwei Beiträge mit weiterführenden Informationen:

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt

Nichtwähler