StVO und andere Herausforderungen im Straßenverkehr

Die DEVK hat das Meinungsforschungsinstitut Civey beauftragt, 10.000 Bundesbürger repräsentativ zu befragen, ob sie sich im Straßenverkehr als vorbildliche Fahrer sehen. Etwa 70 Prozent der Befragten hielten sich für gute Autofahrer. Wenn man sich nun jedoch im Straßenverkehr umsieht, könnte man – etwas überspitzt formuliert – den Eindruck gewinnen, dass 70 Prozent der Autofahrer ihren Führerschein eher im Lotto gewonnen haben. Vorfahrtsegeln werden missachtet. Geschwindigkeitsbeschränkungen werden gerne ignoriert. Gegenseitige Rücksichtnahme ist ohnehin nicht angesagt.
Die Frage ist aber eigentlich, was einen guten Verkehrsteilnehmer auszeichnet. Die Verkehrsregeln sollte ein guter PKW- oder LKW-Fahrer natürlich kennen. Die Verkehrsregeln stellen schließlich die Grundlage für eine reibungs- und gefahrlose gemeinsame Teilnahme unterschiedlichster Menschen am Straßenverkehr dar. Wenn jeder fahren würde, wie es im passt, dann würden Schwerverletzte und Tote die Straßen bedecken. Ein guter Verkehrsteilnehmer sollte die Verkehrsregeln somit natürlich nicht nur kennen, sondern auch konsequent und gewissenhaft anwenden.
Außerdem muss ein Verkehrsteilnehmer auch darauf achten, dass sein Fahrzeug sich in einwandfreiem Zustand befindet. Was hilft es, wenn man in vorausschauender Fahrweise frühzeitig bremst, aber der Bremskraftverstärker aufgrund eines defekten Unterdruckschlauches keine Wirkung hat und die eigene Muskelkraft nicht genügt, die Masse des Fahrzeuges zum stehen zu bringen? Das heißt, dass ein solides Grundwissen bezüglich der Fahrzeugtechnik unabdingbar ist. Wie sonnst soll man einschätzen, ob kleine Veränderungen im Fahrverhalten auf möglicherweise gefährliche Schäden am Fahrzeug hindeuten und ein Werkstattbesuch dringend notwendig ist. Abgesehen davon, dass der Abstand zwischen den vorgeschriebenen Hauptuntersuchen so groß ist, dass sich zwischenzeitlich schwerwiegende Fehler einstellen können, wird bei diesen Untersuchungen auch nicht unbedingt jeder Mangel entdeckt. So wie es auch im Luftverkehr üblich ist, müsste ein guter Autofahrer sein Fahrzeug vor jeder Fahrt einer routinemäßigen Kontrolle unterziehen.
Zu bedenken ist auch, dass selbst der beste PKW- oder LKW-Fahrer der Welt nicht jede erdenkliche Situation souverän meistern kann. Wissens- und Erfahrungslücken hat jeder. Ebenso kann jede mal einen schlechten Tag haben oder man ist vielleicht für zwei oder drei Sekunden abgelenkt und unkonzentriert. Niemand kann 100 Prozent Leistung über viele Stunden erbringen, ohne dass die Gedanken zwischenzeitlich abschweifen (außer vielleicht Chuck Norris, wie die Fakten nahelegen). Selbst der beste Autofahrer hat naturgemäß nur eine beschränkte Auffassungsgabe. Niemand kann durch einen geparkten Lastwagen hindurchschauen, ob dahinter vielleicht gerade spielende Kinder gerade unachtsam auf die Straße rennen und selbst wenn man eine Bewegung noch im Augenwinkel registriert, die auf eine Gefahr hindeutet, dauert es einen Moment, bis diese ins Bewusstsein dringt und bewertet wird. Möglicherweise blendet das Gehirn einen wichtigen Reiz aber auch gänzlich aus, so dass dieser überhaupt nicht ins Bewusstsein dringt, weil es mit anderen Aufgaben beschäftigt ist (Wo muss ich als nächstes abbiegen? Habe ich ein Verkehrszeichen übersehen? Darf ich hier wirklich 70 km/h fahren?).
Wenn wir uns auf ein Fahrrad, Motorrad oder in ein Auto, Transporter oder Lastwagen setzen, um irgendwo hin zu fahren, sind wir uns üblicherweise sicher, dass wir gut genug fahren können, um das Ziel unfallfrei zu erreichen. Die Wenigsten werden den Motor mit dem Gedanken starten „Das wird jetzt meine letzte Fahrt sein. Ich werde nachher an einem Stauende ungebremst in einen LKW krachen und gerade noch sehen, wie meiner Beifahrerin oder meinem Beifahrer der Kopf abgerissen wird und die Kinder später auf der Rückbank verbrennen während die Rettungskräfte mangels Rettungsgasse selbst im Stau feststecken!“. Wir sind uns üblicherweise ziemlich sicher, dass wir auch die nächste Fahrt gut überstehen. Um so erstaunlicher ist es, dass selbst auf dem Frankfurter Flughafen, auf dem die Fahrzeuge (Busse, Lieferfahrzeuge, Service-Kräfte, …) nur maximal 30 km/h schnell fahren dürfen Unfälle passieren. Diese gehen natürlich nicht so schlimm aus, wie Unfälle bei hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn. Es zeigt aber, dass Menschen durchaus schon bei niedrigen Geschwindigkeiten so überfordert sein können, dass sie ein wichtiges Detail übersehen und es zu einem Unfall kommt! Wieso sollte man es dann als gegeben annehmen, das im regulären Straßenverkehr mit Fußgängern, Elektro-Tretrollern, Radfahrern, Motorradfahrer, Autofahrern, Lastwagenfahrern, Traktoren, Baumaschinen und vielen weiteren Teilnehmern immer alles gut ausgehen wird?
Mit einem Basiswissen aus dem Physik-Unterricht wir schnell klar, dass große Massen in Bewegung eine hohe kinetische Energie enthält. Wer mal versucht haben sollte, einen Lastwagen aufzuhalten, indem er sich fohr das Fahrzeug wirft, wird schnell gemerkt haben, dass das Fahrzeug dadurch nur unwesentlich abgebremst wird. Die Energie ist einfach zu groß, als dass man sie mit reiner menschlichen Kraft kontrollieren könnte. Wir sollten uns dessen bewusst sein. Die kinetische Energie einer Gewehrgeschosses beträgt zwischen etwa 1200 Joule (5,56 × 45 mm NATO) und etwa 3500 Joule (7,62 × 51 mm NATO). So ziemlich jeder hat eine Vorstellung davon, was ein solches Geschoss anrichten kann. Aufgrund der immensen Gefährlichkeit dürfen wir deshalb auch keine Sturmgewehre im Supermarkt kaufen. Die meisten Menschen dürfen nicht einmal eine Pistole erwerben oder gar mit sich führen. Der Gesetzgeber hat jedoch kein Problem damit, wenn wir stattdessen mit einem Fahrzeug durch die Gegend fahren. Das erscheint eigentlich absurd. Die kinetische Energie eines Fahrzeuges beträgt selbst bei gemütlichen 50 km/h abhängig vom Gewicht schnell 100.000 Joule und mehr! Damit lässt sich mit Leichtigkeit eine viel schlimmere Verwüstung anrichten, als mit einer Pistole oder einem Sturmgewehr! Dieser Vergleich soll natürlich nicht die Gefahr von Schusswaffen verharmlosen, sondern viel mehr bewusst machen, wie gefährlich Fahrzeuge sein können, die ganz selbstverständlich zu unserem Alltag gehören!
Als ich vor langer Zeit an einem Unfall vorbeifahren musste, bei dem ein Nummernschild wie Papier zerrissen auf der Straße lag, stellte sich mir die Frage, wie es wohl den Menschen ergangen sein musste. Die Kräfte, die hier offensichtlich wirkten, hätten auch Menschen zerreißen können.

Dieser Betrag soll der Auftakt einer Serie werden, in der es um interessantes oder Wissenswerten rund um den Straßenverkehr und die Straßenverkehrsordnung geht. Vor allem sollen die Beiträge dem geneigten Leser ins Bewusstsein rufen, dass auch der vermeintlich beste Fahrer noch Defizite in manchen Bereichen oder einen schlechten Tag hat und dass es daher angebracht ist, auch mal einen Schritt zurückzutreten und sich einzugestehen, nicht perfekt zu sein (Chuck Norris vielleicht ausgenommen). Dementsprechend sollten wir uns immer wieder bewusst machen, dass die Einhaltung von § 1 der Straßenverkehrsordnung (StVO) dafür sorgen kann, dass wir auch dann sicher ans Ziel kommen, wenn wir mal einen schlechten Tag haben oder einen Fahrfehler machen.

Straßenverkehrs-Ordnung (StVO)

§ 1 Grundregeln

(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
(2) Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Wer zu den Menschen gehört, die ein mangelndes Selbstbewusstsein durch schnelle laut dröhnende Autos im öffentlichen Straßenverkehr kompensieren, der wird vermutlich nicht bis zu dieser Stelle gelesen haben. Wer meint, sich Straßenrennen auf Autobahnen oder gar in der Stadt liefern zu müssen, dem fehlt es ohnehin soweit an jeglichem Grundverständnis aller physikalischen Gesetzmäßigkeiten und sozialer Gepflogenheiten, dass er eher ein Fall für die Polizei ist.
Andere Autofahrer, die das Auto einfach nutzen, um ein Ziel zu erreichen, können die Beiträge als Denkanstöße sehen. Die Beiträge sollen helfen, sich der Gefahren bewusst zu werden und Neues zu lernen. Jeden Tag mit dem Auto zu fahren führt nicht zwangsläufig dazu, dass man immer besser wird. Man kann auch Fehler einüben und „perfektionieren“.
Das schwierigste bei der Teilnahme am Straßenverkehr ist nicht die Fortbewegung. Geniale Ingenieure und viele weitere begabte Menschen haben Fahrzeuge auf den Markt gebracht, die so einfach zu bedienen sind, dass so ziemlich jeder ein Fahrzeug durch die Straßen manövrieren kann. Schwierig ist es, dabei die Straßenverkehrsordnung einzuhalten und auf diejenigen zu achten, die nicht auf den Verkehr achten.