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Die Stunde der Crash-Propheten

Das Finanzsystem wird zusammenbrechen. Die Energieversorgung wird zusammenbrechen. Die Lieferketten werden reißen. Die Börsen werden einbrechen. Klimakrise, Wirtschaftskrise und Pandemie. Die Welt wird untergehen, das ist offensichtlich. Und Crash-Propheten wissen das schon lange. Viele kaufen ihre Bücher und besuchen vielleicht auch Seminare zum drohenden Weltuntergang. immer wieder wird der Untergang der Welt vorausgesagt und immer wieder tritt er nicht ein. Wann ist es denn endlich soweit? Wann geht das Spektakel los? Wann sollen wir uns Chips und Popcorn kaufen, um das große Finale live aus der ersten Reihe mitzuverfolgen?

Auch in diesem Blog spielen die Verwerfung hinsichtlich Politik, Wirtschaft und dem Finanzsystem eine wesentliche Rolle. Das Ende der Welt sehe ich nicht. Allerdings gehe ich davon aus, dass wir Menschen nicht so weitermachen können wie bisher. Schon einfach deshalb, weil grenzenloses exponentielles Wachstum in einer Welt mit begrenzten Ressourcen nicht möglich ist.

Die grundlegenden Gedanken hierzu, also warum wir mit diesem Finanz- und Wirtschaftssystem beispielsweise überhaupt ein grenzenloses exponentielles Wachstum benötigen, möchte ich im Folgenden noch einmal darlegen.

Wenn jemand darum bittet, Geld geliehen zu bekommen, dann wird man unter guten Freunden, Bekannten und in der Familie aushelfen und dem anderen das benötigte Geld zur Verfügung stellen. Irgendwann bekommt man den verliehenen Betrag dann wieder zurück und beide sind quitt. Einem fremden Menschen wird man nicht einfach so hunderte oder gar tausende Euro geben. Und wenn doch, dann besteht ein durchaus hohes Risiko, das Geld nicht mehr zurückzuerhalten. Das Verleihen von Geld ist mit Risiken verbunden. Wer ein solches Risiko eingeht, der möchte davon möglichst auch profitieren. man würde ja auch nicht an einer Lotterie teilnehmen, bei der man entweder seinen Einsatz verliert oder als Gewinn maximal den eigenen Einsatz zurückerhält. Ebenso wird nahezu niemand an fremde Menschen einen Kredit vergeben, ohne dass es ihm selbst einen Nutzen bringen kann. Üblicherweise verlangt der Verleiher einfach mehr Geld zurück, als er verliehen hat. Der geforderte Zins soll mindestens das Risiko kompensieren und darüber hinaus auch noch einen gewünschten Gewinn abwerfen. Diese Überlegung dürfte einleuchten. Nach diesem simplen Grundprinzip funktioniert die Kreditwirtschaft.
Wer bei seiner Bank einen Kredit beantragt oder sein Konto überzieht, wird normalerweise mehr Geld zurückzahlen müssen, als er geliehen hat. und für den Fall, dass ihm dies nicht gelingt, muss er Sicherheiten hinterlegen. Banken nehmen hier allerdings eine besondere Rolle ein, denn Banken verleihen nicht das vorhandene Geld, sondern schöpfen bei der Kreditvergabe neues Geld. Bei einer Kreditvergabe nimmt die Geldmenge also zu. Dies zu verstehen ist ganz elementar, weshalb wir einen Kurzen Blick in eine Erklärung zu diesem Thema durch die Bundesbank werfen:

Im Schülerbuch „Geld und Geldpolitik“ wird unterstellt, dass bei der Kreditvergabe einer Bank generell neues, die Geldmenge erhöhendes Buchgeld geschaffen werde. Ist das zwingend? Kann die Bank nicht auch altes, schon früher geschaffenes Geld, z.B. Spareinlagen, weiterreichen, wodurch die volkswirtschaftliche Geldmenge nicht erhöht wird?

Tatsächlich wird bei der Kreditvergabe durch eine Bank stets zusätzliches Buchgeld geschaffen. Die weitverbreitete Vorstellung, dass eine Bank „auch altes, schon früher geschöpftes Buchgeld, z. B. Spareinlagen, weiterreichen“ (könne), wodurch die volkswirtschaftliche Geldmenge nicht erhöht wird, trifft nicht zu.

Quelle: Bundesbank: Häufig gestellte Fragen zum Thema Geldschöpfung

Wer diesen Teil der Erläuterung nicht verstanden hat, der muss sich nun zwingend mit dem Thema Geldschöpfung befassen und das notwendige Wissen aneignen. Andernfalls kann er nicht verstehen, warum dieses Geldsystem nicht dauerhaft Bestand haben kann!

Wenn jemand bei einer Bank 100 Euro leiht und dafür jährlich 10 Prozent Zinsen zahlen muss, dann schuldet er der Bank also nach einem Jahr 110 Euro. Nehmen wir an, es handelt sich um den ersten und bislang einzigen vergebenen Kredit auf diesem Planeten. Dann wurden bislang im Rahmen dieser Kreditvergabe 100 Euro aus dem Nichts geschöpft. Dieses Geld erhält der Kreditnehmer und kann es investieren. Dem Schuldner muss es dann gelingen, die 100 Euro, die er bei der Bank geliehen und ausgegeben hat, wieder zurück zu erwirtschaften. Dieses Geld kann er der Bank dann nach einem Jahr zurückzahlen. Danach ist er aber nicht schuldenfrei. Er muss auch noch die 10 Euro Zinsen auftreiben. Diese wurden bei seiner Kreditaufnahme aber nicht mitgeschöpft und existieren daher in diesem simplen Beispiel nicht.
Es muss also noch einem zweiten Kreditnehmer geben, der von einer Bank Geld leiht. Nehmen wir also an, ein zweiter Marktteilnehmer hat ebenfalls 100 Euro bei einer Bank zu 10 Prozent Zinsen geliehen. Dem ersten Schuldner könnte es nun gelingen, von diesem neuen Kredit an den zweiten Kreditnehmer 10 Euro zu erhalten, beispielsweise in dem er der zweiten Person ein Produkt Verkauft. Der erste Kreditnehmer kann also theoretisch nun 110 Euro an die Bank zurückzahlen. Bei der Rückzahlung werden die ursprünglichen 100 Euro des Kredites wieder “vernichtet” und existieren nicht mehr. Die 10 Euro Zinsen gehören die Bank als Gewinn.
Im Umlauf befinden sich noch 90 Euro. Der zweite Kreditnehmer steht nun vor dem Problem, dass er nach einem Jahr 110 Euro an die Bank zurückzahlen muss, aber maximal 90 erwirtschaften kann.
Wenn in diesem System also ein Teilnehmer seine Schulden vollständig zurückzahlen kann, dann muss zwangsläufig ein anderer Teilnehmer in besondere Zahlungsschwierigkeiten geraten. Man kann es drehen und wenden, wie man möchte, in diesem Geldsystem sind die Forderungen der Banken zu jedem Zeitpunkt höher als das vorhandene Geldvermögen. Wenn nun jeder Wirtschaftsteilnehmer sein gesamtes Vermögen nehmen und an die Banken zurückzahlen würde, gäbe es kein Geld mehr auf der Welt, um noch Waren und Dienstleistungen zu bezahlen, die Menschen wären aber immer noch verschuldet.

Dies ist kein Geheimnis und keine Verschwörungstheorie. Eine nachhaltige Lösung für dieses wesentliche Problem gibt es aber nicht.

Wenn eine Geschäftsbank einen Kredit gewährt hat: Woher stammt das Geld für die Zinsen, die zusätzlich zur gewährten Kreditsumme zurückgezahlt werden müssen? Bei der Geldschöpfung durch Kreditvergabe wird das Geld, das für die Zinszahlung benötigt wird, doch nicht mitgeschöpft.

Der Blick auf eine einzelne Kreditschöpfung greift zu kurz. In einer dynamischen Volkswirtschaft werden ständig Kredite vergeben bzw. getilgt und Vermögenswerte angekauft bzw. verkauft. Geldmenge und Realwirtschaft entwickeln sich dadurch im Idealfall gleichgerichtet. Fördern beispielsweise die Kredite das realwirtschaftliche Wachstum, dann können aus dem daraus entstehenden Einkommen Kredit und Zinsen zurückgezahlt werden.

Quelle: Bundesbank: Häufig gestellte Fragen zum Thema Geldschöpfung

Die Bundesbank schreibt im gezeigten Zitat, dass der eigentlich simple Zusammenhang, dass die Schulden die Vermögen immer übersteigen, durch die Komplexität des Wirtschaftssystem verschleiert wird. Bei einem oder zwei Marktteilnehmern ist sofort ersichtlich, dass das System nicht dauerhaft funktionieren kann. Bei Millionen oder gar Milliarden Marktteilnehmern werden die Zusammenhänge aber so komplex, dass die Probleme, welche das System mit sich bringt, nicht mehr offensichtlich sind. Die Menschen können die Zusammenhänge dann nicht mehr erkennen. Das ändert an der grundlegenden Problematik aber natürlich nichts.
Wir können festhalten, dass im derzeitigen Finanz-und Wirtschaftssystem immer neue Kredite vergeben werden müssen, um alte Schulden zu tilgen. Weiter wird von der Bundesbank die bemerkenswerte Aussage getroffen, dass sich Geldmenge und Realwirtschaft im Idealfall gleichgerichtet entwickeln. Und das ist eine brisante Aussage. In dem Maße, in welchem die Schulden steigen und immer neue Kredite vergeben werden müssen, muss auch die Wirtschaft wachsen. Die Banken vergeben Kredite ja nicht einfach so, sondern erwarten, Gegenleistungen und Sicherheiten. Die Marktteilnehmer müssen mit den Krediten also Werte schafften, die den Banken dann wieder als Sicherheiten dienen können. Außerdem ist es fatal, wenn immer mehr Geld ins System kommt, das Warenangebot aber nicht mitwächst. Wenn einem begrenzten Warenangebot eine wachsende Geldmenge gegenübersteht, werden die Waren teuer, das Geld also weniger Wert und man gerät in eine Inflation.
Einer mathematisch unbegrenzt wachsenden Geldmenge muss also auch eine unbegrenzt wachsende Wirtschaft gegenüberstehen, um eine gewisse Geldwertstabilität zu gewährleisten.
Die Bundesbank macht aus dieser Problematik keinen Hehl. Der Zusammenhang zwischen Zinssystem und Zwang zum Wirtschaftswachstum wird nicht geleugnet. Stattdessen versucht man aber, die Probleme zu kaschieren und mit der Komplexität des Systems zu verschleiern. Wie ein Zauberer, der die Zuschauer mit einer bombastischen Show ablenkt, während er irgendwelche Dinge aus dem Hut zaubert. Die Grundprobleme werden aber nicht gelöst.

Es sollte unmittelbar ersichtlich sein, dass Umweltschutz und Nachhaltigkeit keinen Platz in einem System haben, welches grenzenloses Wachstum und damit auch grenzenlosen Energie- und Ressourcenverbrauch erzwingt. Außerdem nimmt der weltweite Kampf um die für das Wachstum notwendigen Ressourcen immer weiter zu. Das Konfliktpotential wächst immer weiter an. Gleichzeitig haben in erster Linie diejenigen Menschen Anspruch auf immer mehr Geld, die bereits viel Geld haben, das sie gewinnbringend investieren können, während arme Menschen kaum Chancen haben, in lukrative Geschäfte zu investieren. Dadurch werden die Reichen immer reicher, während die armen, beziehungsweise arbeitenden Menschen immer ärmer werden. Die Umverteilung von Fleißig nach Reich nimmt immer rasanter an Fahrt auf. Für wichtige Investitionen, wie Bildungseinrichtungen, soziale Einrichtungen, Infrastruktur und Energieversorgung bleibt dann immer weniger Geld übrig. Dies führt zu einem Rückgang der Leistungsfähigkeit und Wirtschaftskraft der gesamten Gesellschaft, bei zunehmendem Wachstumszwang durch das Zinssystem.

Die Probleme lassen sich lange kaschieren. Die Strategie welche die Bundesbank beschreibt, also die Verwerfungen hinter der Komplexität zu verstecken, funktioniert somit lange Zeit. Die Frage ist jedoch, wie lange dies noch der Fall sein wird. Wenn jetzt in Folge der zunehmenden Konflikte die die Ressourcen, insbesondere Gas und Strom, knapp werden, während die Wirtschaft aber eigentlich wachsen müsste, wird der Lebensstandard der meisten Menschen rapide sinken müssen, weil deren Ersparnisse aufgebraucht werden, um die Umverteilung der Vermögen zu den reichen Investoren und Banken weiter zu ermöglichen. Dadurch muss die Infrastruktur noch weiter vernachlässigt werden, was die Versorgungssicherheit noch stärker gefährdet.

Die Welt wird dabei nicht untergehen. Wenn in einem Teil der Welt das Ende des möglichen Wachstums erreicht und keine weitere Umverteilung mehr möglich ist, dann wird es hier zu einem Zusammenbruch kommen, während in anderen Teilen der Welt gerade die Aufbauphase stattfindet. Die Vermögenden agieren global und sind somit von regionalen Krisen nicht betroffen. Für sie bietet sich immer die Möglichkeit, den Reichtum zu sichern und auszubauen. Die normalen Menschen hingegen, sind auf Gedeih und Verderb der Entwicklung in der Region ausgeliefert, in der sie selbst leben. In Phasen des Aufschwungs profitieren sie. In Phasen des Niedergangs werden sie ihr vermögen und häufig auch ihr Leben verlieren. Wie wir gerade sehen, kommt der Zusammenbruch aber nicht mit einem Schlag, sondern schleichend über Jahrzehnte. Das Finanz- und Wirtschaftssystem ist, wie die Bundesbank schreibt, hoch komplex und durch die große Anzahl an Teilnehmern auch träge. Die Entwicklung spielt sich über so lange Zeiträume ab, dass viele Menschen die Veränderungen überhaupt nicht bemerken, weil ihnen die Bezugs- und Orientierungspunkte fehlen. Crash-Propheten haben es also schwer, denn wer Jahrzehnte lang vor dem Zusammenbruch warnt, der wird irgendwann nicht mehr ernst genommen, wenn der Zusammenbruch so langsam erfolgt, dass viele Menschen ihn überhaupt nicht mitbekommen.

An dieser Stelle möchte ich auf diese faszinierende Illusion verweisen:

The Changing Room Illusion

In dem Video wird ein Raum gezeigt, in welchem sich mit der Zeit Objekte verändern. Die meisten der Veränderungen fallen jedoch nicht auf. Dies liegt daran, dass Menschen in erster Linie abrupte Veränderungen bemerken, nicht jedoch schleichende Änderungen. So ist es auch mit dem Finanz- und Wirtschaftssystem. Die sich über Jahrzehnte hinziehen Veränderungen bemerken viele Menschen nicht und Crash-Propheten, welche die Probleme frühzeitig erkennen, können ihre Erkenntnisse kaum glaubhaft vermitteln.
Selbst jetzt, wo sogar in den Zeitungen steht, dass Gas und Strom knapp werden und die Politiker Warn- und Alarmstufen ausrufen, sehen viele Menschen noch kein Grund zur Beunruhigung. Sollte aber irgendwann ein Punkt erreicht sein, an dem zu viele Probleme zusammenkommen, dann ist für uns der Crash innerhalb weniger Stunden da und dann ist keine Zeit mehr, sich vorzubereiten. Bis dahin dauert es aber vielleicht noch Wochen, Monate oder gar Jahre und vielleicht kommt ein richtig harter Crash auch überhaupt nicht in unserem Leben. Eine wahrlich spannende Zeit für Crash-Propheten.

Der durch das Zinssystem hervorgerufene Zwang zum grenzenlosen exponentiellen Wachstum und der damit einhergehenden Zerstörung der Umwelt und der Verschwendung von Ressourcen ist allerdings kein unabwendbares Schicksal. Wir Menschen sind selbst dafür verantwortlich und könnten dies auch beenden. Hierzu genügt es aber nicht, die Symptome zu bekämpfen. Stattdessen ist ein grundlegend nachhaltig konstruiertes Gesamtsystem notwendig. Wie dies aussehen könnte, muss sich natürlich zeigen. Ein interessantes Konzept mit den Komponenten “fließendes Geld”, “Bedingungsloses Grundeinkommen”, “soziales Bodenrecht” und einer “freien Presse” wurde im Plan B der Wissensmanufaktur ausgearbeitet.

https://www.wissensmanufaktur.net/plan-b/