Berichte

Umgekehrte Wagenreihung

Saubere, pünktliche Züge und freundliches Personal. So kann man die japanischen Eisenbahnen treffend beschreiben.

Alle müssten dazu beitragen, das Image der Eisenbahn von den drei «ki» zu befreien: kitanai (Schmutz), kiken (Gefahr) und kitsui (Überlastung).

Pünktlich, sauber, schweineteuer

Umgekehrte Wagenreihung, defekte Türen, gesperrte Bord-Toiletten, Signalstörungen, dreckige und ungepflegte Bahnhöfe, Zugausfälle und Verspätungen, Servicewüste. So sieht der Alltag bei der Deutschen Bahn aus. Bislang bin ich davon ausgegangen, dass diese Ärgernisse weitgehend auf Unvermögen zurückzuführend sind. Bis ich einen Artikel von Gregor Stevens, Richter am Landgericht Berlin, gelesen habe.

„Umgekehrte Wagenreihung“ – Was führt dazu, dass das Erscheinungsbild der Eisenbahn nach den Bahnreformen in Japan und Deutschland so unterschiedlich ausfällt?

Der Artikel zeigt, dass diese strukturellen Probleme durchaus beabsichtigt sind. Während die Deutschen Bahn AG und auch von interessierte Dritte den Fernverkehr eigenwirtschaftlich aus den Fahrkartenerlösen betreiben muss, wird der Nahverkehr durch Steuergelder subventioniert. Da liegt es auf der Hand, den Fernverkehr auf gewinnträchtige Hauptachsen zu konzentrieren und hier möglichst viele Menschen mit möglichst wenigen Zügen aber hochpreisigen Fahrkarten zu befördern. Weniger lukrative Strecken werden dann vom bezuschussten langsameren Regionalverkehr abgedeckt. Ein gut ausgebauter subventionierter Nahverkehr führt aber zu einem innerbetrieblichen Interessenkonflikt, wenn Kunden auf die zwar etwas langsameren aber auch günstigeren Nahverkehrszüge ausweichen, um längere Strecken zurückzulegen, anstatt teuren ICE-Verbindungen zu wählen. So wurden die Fahrpläne beispielsweise teilweise so verändert, dass bestehende Anschlüsse im Nahverkehr aufgebrochen wurden, um den preisbewussten Reisenden das Zurücklegen großer Distanzen ohne Benutzung der teuren IC- und ICE-Züge zu erschweren. Bedenkt man allerdings die mangelnde Pünktlichkeit der Züge, dann haben lange Umstiegzeiten zumindest den Vorteil, dass man den Anschlusszug vielleicht auch dann noch erwischt, wenn der erste Zug wieder einmal Verspätung hat.

Darüber hinaus muss immer mit Streiks gerechnet werden, die den Zugverkehr ohne lange Vorwarnung für Tage lahmlegen oder erheblich stören. Selbst in Corona-Zeiten, wenn überall der Zutritt auf wenige Personen beschränkt wird, damit große Abstände eingehalten werden können, wird bei der Bahn im Rahmen eines Streiks in Kauf genommen, dass sich unzählige Menschen in die wenigen verbleibenden und damit hoffnungslos überfüllten Züge quetschen. Abstände und Hygieneregeln spielen plötzlich keine Rolle mehr. Gleichzeitig beschließen die Politiker immer weitere Restriktionen im restlichen Alltag zur Bekämpfung der Pandemie. Und wenn ein Bahnstreik beendet ist, droht schon wieder der nächste Streik. Planen kann man unter diesen Voraussetzungen nicht und auf vielen Kosten bleibt im Zeitfelsfall der Bahnkunde sitzen.

Zusammengefasst kann man sagen, dass es um den öffentliche Nah- und Fernverkehr in Deutschland schlecht bestellt ist. Wer zudem über Nacht reisen muss, wird einen großen Teil der Zeit wartend an schmutzigen Bahnhöfen verbringen und hoffen, nicht überfallen zu werden, weil nachts fast keine Züge fahren und Sicherheitspersonal sich auch nur selten blicken lässt.

Dennoch wird in Deutschland erwartet, dass man mobil ist. Als ich zum Einstieg ins Berufsleben auf Stellensuche war, teilte mir ein Sachbearbeiter beim Arbeitsamt mit, dass ich in Kauf nehmen muss jeden Morgen 100 Kilometer zur Arbeit zu fahren und Abends wieder zurück. Das sei ganz normal, versicherte er mir. Zudem können sich viele Menschen auch keine Wohnung in der Nähe des Arbeitsortes leisten. Ebenso können andere Gründe verhindern, dass man dort wohnen kann, wo man eine Arbeit und damit ein lebenswichtiges Einkommen findet. An dieser Situation wird sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern. Mobiles Arbeiten kann die Situation für manche Berufszweige etwas entschärfen. Aber viele Menschen werden auch weiterhin zu Arbeit pendeln müssen.
Und hin und wieder muss man auch mal dem Alltag entfliehen und Urlaub machen. Es muss ja nicht gleich eine Reise ins Weltall sein, wie es gerade bei den Vermögenden in Mode kommt. Aber auch für eine Reise auf der Erde ist eine gewisse Mobilität notwendig.

Nachdem der Bahnverkehr aber unter den Augen der führenden Politiker immer weiter ruiniert wird, bleibt eigentlich nur die Möglichkeit auf andere Verkehrsmittel umzusteigen. Lässig den Privatjet oder einen Hubschrauber nehmen, wie es in manchen Kreisen üblich ist, ist für die meisten Menschen trotz Vollzeitjob aus finanziellen Gründen keine Option. So ein Privatjet oder auch ein Hubschrauber geht dann doch etwas zu sehr ins Geld. Aber immerhin bleibt vielen Menschen noch das Auto, um sich eine gewisse Mobilität zu sichern. Im Auto kann man auch gleich noch ohne Zusatzkosten Haustiere und sperriges Gepäck mitnehmen und zu jeder Zeit fahren ohne einen komplizierten Fahrplan zu studieren oder sich mit abenteuerlichen oder kaputten Ticket-Automaten herumzuschlagen. Lästige Fahrkartenkontrollen und Streitereien um Sitzplätze kennt der Autofahrer ebenfalls nicht.
Allerdings hat auch das Auto bei den amtierenden Politikern keinen guten Ruf. Dementsprechend werden nicht nur aberwitzig gefährliche Verkehrsführungen geschaffen, bei denen langsame ungeschützte Radfahrer gegen schnelle schwere Autos und Lastkraftwagen auf der gleichen Strecke ins Rennen geschickt werden und sich gegenseitig behindern und ausbremsen. Es wird auch mit vielen anderen Mitteln Versucht, den Autofahrern das Leben schwer zu machen. Parkmöglichkeiten sind immer wieder so angelegt, dass der stehende Verkehr dem ruhenden Verkehr im Weg ist. Außerdem sind Parkplätze häufig teuer oder werden gleich ganz entfernt. In naher Zukunft steht auch noch die Abschaffung von Verbrennungsmotoren an. Begründet wird dies mit dem Umweltschutz. Die Idee mag gut und löblich sein. Die Umsetzung ist jedoch fragwürdig. Die Umstellung wird nicht so ablaufen, das zunächst Alternativen geschaffen werden, die umweltfreundlicher und so gut sind, dass man gerne wechselt. Stattdessen werde Verbrenner gewiss einfach mit der Zeit direkt oder indirekt verboten, während es weitgehend unterlassen wird, ein alternative Verkehrskonzept zu realisieren. Diesen Eindruck verstärkt auch beispielsweise ein Beitrag von Gunnar Schupelius in der Berliner Zeitung.

Die Politik will auf das Elektroauto umsatteln. Doch sorgt sie nicht für die notwendige Stromversorgung. Das ist absurd – und dahinter steckt offenbar sogar eine Absicht, meint Gunnar Schupelius.

An einer Stelle aber verrät der Stadtrat zwischen den Zeilen, wie die Zukunft aussehen soll. „Ein 1:1-Tausch Verbrenner gegen Stromer wird nicht als Ziel des Senats kommuniziert.“

Das heißt zu Deutsch: Es sollen gar nicht alle Berliner auf ein Elektroauto umsteigen dürfen, sondern nur ein Teil von ihnen. Ab 2030 sollen wir möglichst gar keinen Privatwagen mehr haben, das ist das eigentliche Ziel. Und deshalb rührt die Politik keinen Finger für eine Infrastruktur, die für Elektroautos gebraucht wird.

Der vollständige Artikel kann hier gelesen werden: Berlin bereitet sich offenbar gar nicht auf das Elektroauto vor

In Zukunft werden wir also keinen verlässlichen öffentlichen Verkehr mehr haben. Der private Verkehr wird in einigen Jahren möglicherweise auch weitgehend beendet sein. Darüber, wie die Straßen dann finanziert werden sollen, die auch für den Transport von Waren und für Rettungskräfte benötigt werden, wird sich keiner der Politiker Gedanken machen. Wenn man davon ausgeht, dass mobiles Arbeiten sich nur schwer durchsetzen kann und häufig auch garnicht möglich ist, die Arbeitnehmer also auch in Zukunft teilweise weite Strecken zwischen Arbeitsort und Wohnort pendeln müssen, wird es spannend, wie dies funktionieren soll. Zumal das sogenannte Wegerisiko beim Arbeitnehmer liegt. Der Arbeitnehmer muss sicherstellen, dass er pünktlich zur Arbeit erscheint. Egal ob es im Hochsommer 35 Grad im Schatten sind oder ob das Land im Winter unter einer Eis- und Schneedecke begraben liegt. Der Arbeitnehmer muss auch dann pünktlich sein, wenn das Bahn-personal spontan streikt oder der Linienbus einen Platten hat. Je schlechter die Infrastruktur ist, desto schwieriger wird es, diese Pflichten einzuhalten. All dies wird die Politiker in Deutschland aber nicht interessieren.